![]() |
![]() |
||||||||||||||||||||
Intention 1. Grundlagen 3. Philosophie und Psychologie 5. Apriorität und Normativität 6. Bestimmen und Unterscheiden 7. Hierarchie der Urteilsformen 8. Urteilsförmige Kohärenz der Natur 9. Natur als Gesamtheit 10. Bibliographie Links Sitemap Kontakt Impressum |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
||||||||||||||
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Thomas Scheffer: Die Grundlagen von Kants Naturbegriff in der 'Kritik der reinen Vernunft' 4. Philosophische AnalyseZwar können nach Kant auch die "notwendigen und allgemeinen Regeln des Denkens ... nur durch Betrachtung [des] natürlichen Gebrauchs" unseres Verstandes "gefunden werden" (Logik Einl., 17); doch sie werden nicht einfach von dem subjektiven und wirklichen" Gebrauch "deriviert", sondern "von dem objektiven - und möglichen Gebrauch des Verstandes abstrahiert"; sie sind Gesetze "der richtigen Erkenntnis überhaupt in Ansehung möglicher Erkenntnis" (Refl. 1603); und die Logik ist keine empirische Wissenschaft, sondern eine "Analytik" (Logik Einl., 16). Diesen Erklärungen zufolge können die Grundsätze der Logik nicht empirisch-induktiv aufgestellt werden, da auf der Basis endlich vieler beobachteter Fälle nicht auf streng allgemeingültige Grundsätze geschlossen werden kann. Zur Entdeckung solcher Grundsätze ist es nach Kant vielmehr nötig, in einem ersten Schritt unter den beanspruchten Erkenntnissen eine Auswahl zu treffen, nämlich die "objektiven" Erkenntnisse (vgl. Refl. 1603) von den bloß subjektiven und zu Unrecht beanspruchten zu unterscheiden; und in einem zweiten Schritt ist die Betrachtung dann über die wirklich gegebenen Fälle hinaus auf alle möglichen Fälle objektiv gültiger Erkenntnisse auszudehnen. Der Weg auf dem dies zu tun ist, ist die Analyse. Nicht nur die formale Logik ist eine "Analytik" (Logik Einl., 16), sondern "philosophische Definitionen" können nach Kant überhaupt "nur als Exposition gegebener ... Begriffe" ausfallen und "nur analytisch durch Zergliederung zustande gebracht werden" (B, 758). Wie nach Kant eine Ausdehnung der Betrachtung über den Bereich der bereits gewonnenen Erkenntnisse hinaus auf alle möglichen Erkenntnisse von Gegenständen angestellt werden kann, ist seiner Argumentation für die Apriorität der Vorstellungen von Raum und Zeit zu entnehmen. Im jeweils ersten Abschnitt der metaphysischen Erörterungen der Begriffe von Raum und Zeit behauptet er zunächst, diese Begriffe könnten nicht, wie z.B. die Begriffe "Baum" oder "Fichte", auf der Basis bereits gewonnener Erkenntnisse durch einen Vergleich von Gegenständen, die Bestimmung der allgemeinen und besonderen Eigenschaften derselben und das Absehen von ihren Unterschieden (vgl. Logik, 6, 94 f.) gebildet werden, da die Vorstellungen von Raum und Zeit (also die Vorstellungen der Inhalte der Begriffe von Raum und Zeit) bereits verwendet werden müssen, um Gegenstände überhaupt räumlich oder zeitlich lokalisieren zu können (vgl. B, 38 u. 46). Dafür, dass die Verwendung der Vorstellungen von Raum und Zeit eine notwendige Bedingung jeder möglichen Identifikation eines Gegenstandes oder Zustandes ist, wird dann im jeweils zweiten Abschnitt mit einem Gedankenexperiment argumentiert. In der metaphysischen Erörterung des Begriffs des Raumes behauptet Kant, man könne sich, "niemals eine Vorstellung davon machen, dass kein Raum sei", obwohl man sich "ganz wohl denken" könne",dass keine Gegenstände darin angetroffen werden". Im zweiten Abschnitt der Erörterung des Begriffs der Zeit heißt es entsprechend, man könne "in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen" könne. Wie die letztgenannte Argumentation für die Apriorität der Vorstellung der Zeit deutlich macht, will Kant nicht behaupten, dass es ganz und gar unmöglich sei, von den Eigenschaften der Räumlichkeit und der Zeitlichkeit abzusehen, sondern nur, dass dies in Ansehung der ,Erscheinungen überhaupt' unmöglich sei. "Erscheinung" heißt bei Kant der "unbestimmte Gegendstand" einer Anschauung, die sich "durch Empfindung" auf ihren Gegenstand bezieht (vgl. B, 34). Kant behauptet also zunächst, es sei unmöglich, in Bezug auf beliebige wahrnehmbare Gegenstände und Zustände von ihrer Räumlichkeit bzw. Zeitlichkeit abzusehen. Wie die Argumentation für die Apriorität der Vorstellung des Raumes deutlich macht, bezieht sich Kant mit seiner Behauptung, man könne die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen, im Unterschied zu seiner ersten Behauptung nicht auf die Erscheinungen überhaupt, sondern auf die Erscheinungen, die in der Zeit wirklich ,angetroffen werden' können. Positiv formuliert wird von Kant also insgesamt behauptet, man könne sich auch unabhängig von der Einschränkung auf die wirklich wahrnehmbaren Gegenstände oder Zustände nur räumliche Gegenstände und zeitliche Zustände als wahrnehmbar vorstellen. Wenn diese Behauptung richtig ist, zeigt das Gedankenexperiment, dass der Bereich der als wahrnehmbar vorstellbaren Gegenstände und Zustände größer ist als der der wirklich wahrgenommenen, aber auch die nur als wahrnehmbar vorstellbaren stets als räumlich bzw. zeitlich strukturiert und lokalisiert vorgestellt werden. Kant behauptet die Apriorität der Vorstellungen von Raum und Zeit also nicht in Bezug auf irgendwelche im weitesten Sinne mögliche, d. h. nicht von vornherein völlig unmögliche Erkenntnisse, sondern in Bezug auf Erkenntnisse von Gegenständen oder Zuständen, die wir uns wenigstens als wahrnehmbar vorstellen können. Durch die von Kant angeführten Gedankenexperimente werden die Begriffe der unseres Wissens für uns wahrnehmbaren Gegenstände und Zustände also näher als der Begriff räumlicher Gegenstände und der Begriff zeitlicher Zustände erläutert. Der vielfach erhobene Einwand, es sei nicht auszuschließen, dass "in uns noch ganz andere Formen der Rezeptivität schlummern" und uns ganz andere als räumliche Gegenstände oder zeitliche Zustände begegnen mögen (vgl. Hossenfelder 1978, 71), trifft Kants These von der Apriorität der Vorstellungen von Raum und Zeit also nicht Auszuschließen sind solche von den unseren völlig verschiedene Wahrnehmungen zwar nicht, aber anhand des Begriffs nur negativ bestimmbarer Wahrnehmungen können auch keine positiven erkenntnistheoretischen Aussagen über unsere Erfahrungen gemacht werden. Doch warum sollte man in der Erkenntnistheorie überhaupt nach universell gültigen Formen a priori suchen und die Begriffe aller unseres Wissens möglicherweise wahrnehmbaren Gegenstände und Zustände bilden? Warum sollte man die aussichtsreichen evolutionstheoretischen, soziologischen, psychologischen oder auch neurophysiologischen Ansätze nicht in die Erkenntnistheorie aufnehmen und unsere Erkenntnisleistungen naturalistisch als die Wirkungen natürlicher Dispositionen, gegebener Außenreize und sozialer Mechanismen erklären? Eine solche Betrachtung würde gerade zeigen, dass die Orientierungsmuster verschiedener höher entwickelter Lebewesen sehr verschieden sind und sich wissenschaftliche Konzepte im Verlauf der Kulturgeschichte grundlegend geändert haben. Angesichts dieser Feststellungen muss Kants Suche nach universellen Erkenntnisprinzipien als Griff nach den Sternen und seine methodologische These, durch die von uns für die Beschreibung und Erklärung der Natur für unverzichtbar gehaltenen Orientierungsmuster und Prinzipien würden wir der Natur ihre Struktur vorschreiben, als eine bloße und unnötig starke Hypothese erscheinen.
|
![]() |
||||||||||||||||